Sprache als «Haus des Seins»

«Sprache ist das Haus des Seins», schreibt Martin Heidegger in seiner 1947 erschienenen Schrift «Brief über den Humanismus», einer überarbeiteten Fassung eines Briefes von 1946 an den französischen Philosophen Jean Beaufret. «In ihrer Behausung», fährt er fort, «wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren.» So gesehen, ist Sprache untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden und dennoch keine Konstante. Wir müssen Sprache lernen und sie prägt unseren Zugang zur Welt. Die ersten Wörter lernen wir im ersten Lebensjahr. Mit 18 Monaten formen wir erste kurze Sätze und bilden anschliessend eine zunehmend komplexer werdende Grammatik. Entwicklungspsychologen verweisen auf die hohe Variabilität des Spracherwerbs. Gleichzeitig warnen sie, Heranwachsende vorschnell zu Problemfällen zu erklären, wenn sie in einem gewissen Alter nicht eine gewisse Sprachkompetenz erreicht haben. Richtig ist allerdings, dass der Spracherwerb möglichst früh einsetzen muss, weil er in jüngeren Jahren leichter und einfacher vor sich geht als später. Natürlich gehört ein umfassendes, passives Sprachangebot für die Heranwachsenden dazu. In einer zunehmend «sprachlosen» Gesellschaft geht die regelmässige familiäre Kommunikation zurück, ein Umstand, den nicht nur Eltern bilingual heranwachsender Kinder oft übersehen. Wer sein Kind bilingual aufwachsen lässt, müsste sich der Tatsache bewusst sein, dass Bilingualismus für die wenigsten ein wirklicher Vorteil ist. Mit anderen Worten kann das, was in den ersten Lebensjahren vernachlässigt wurde, nicht in wenigen Wochen aufgearbeitet werden. Trotzdem bilden Anfragen wie die folgende nicht die Ausnahme:

«Sehr geehrter Herr Frei

Hätten Sie vielleicht Zeit, unserer Tochter zu zeigen, wie man gute Aufsätze schreibt
und die Rechtschreibung verbessern kann?

Freundliche Grüsse
XYZ»

Wie bitte soll das gehen? Oft wird die Einflussmöglichkeit der Lehrperson einfach überschätzt. Nachher sind die Eltern frustriert, wenn ihr Kind trotz wöchentlicher Doppellektionen die Eintrittsprüfung ins Gymnasium nicht schafft. Dass ihr Kind in den ersten sechs Lebensjahren gar nie Deutsch gesprochen hat, wird dabei geflissentlich übersehen.

«Sprache ist das Haus des Seins», stellte Martin Heidegger fest. Der Mensch wohnt gleichsam in diesem Haus der Sprache, er ist Teilnehmer an der Sprache und benötigt sie, um mit der Welt in Kontakt zu treten. So besehen, hat die Sprache eine welteröffnende Funktion. Eng verbunden ist Sprache auch mit der Endlichkeitserfahrung des Menschen. «Wer spricht», heisst es bei Gottfried Benn, «ist nicht tot.» Wie auch immer man es dreht und wendet; die Sprache gehört zum Komplexesten, was der Mensch zu beherrschen versucht, um seine Existenz zu vergegenständlichen. Einen direkten Zusammenhang zwischen sprachlicher Begabung und Intelligenz gibt es zwar nicht. Trotzdem ist die Sprache für die Entwicklung von Kindern ein wichtiges Instrument. Sprache ermöglicht den Zugang zu Welten, die uns andernfalls verschlossen bleiben. Sprache ist untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden. Wir müssen Sprache lernen, und sie prägt unseren Zugang zur Welt. Würden wir sie verlieren, müssten wir als sprachlose Wesen alles verlieren. Vielleicht gehört sie gerade deshalb zu den identitätsstiftenden Kräften menschlicher Existenz.

Das heisst: Es gibt für den Menschen kein Sein ohne Erkennen, und es gibt kein Erkennen ohne Begriff, und es gibt keinen Begriff ohne das Begriffene. Auch gibt es keine Teilhabe am Dasein ohne das Begriffene. Diese Teilhabe entsteht durch eine wechselseitige Beziehung von Denken und Gedachtem. Wie könnte das Denken von sich selbst wissen, also zu Bewusstsein werden, wenn es nur sich selbst denken würde. Es gibt also kein Ich ohne Du, damit aus Wahrnehmung Selbst-Wahrnehmung als Ausformung eines Ich-Begriffes werden kann.

Ohne dass der Mensch zur Sprache kommt, kommt er auch nicht zur Welt. Erst wenn die Sprache präsent ist, lebt er im eigentlichen Sinn, erst dann befindet sich der Mensch im Haus des Lebens. Mit anderen Worten ist Sprache das Haus, in welchem ich am Dasein teilhaben kann, denn: Sprache ist Denken und Denken ist Sprache. Von hier aus wird vielleicht deutlich, weshalb sich ein sechsjähriger Mangel an Spracherfahrung nicht in wenigen Lektionen kompensieren lässt.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Ulrich Fricker
Der Philosoph Martin Heidegger schrieb am liebsten in einer primitiven Hütte im Schwarzwald.