TIT FOR TAT

Die aus der englischen Umgangssprache entnommene Redewendung TIT FOR TAT wird in der Spieltheorie als Strategie für Interaktionen zwischen Individuen gebraucht, die sich erkennen und mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder begegnen. Belegt ist der Ausdruck zuerst im 16. Jahrhundert in der Form TIP FOR TAP, wobei die Redewendung grob mit «Wie du mir, so ich dir» bzw. «Auge um Auge» übersetzt werden kann. Spieltheoretisch verweist TIT FOR TAT auf die Strategie eines Spielers, der in einem fortgesetzten Spiel im ersten Zug kooperiert, sich also freundlich verhält, und danach genauso handelt wie der Gegenspieler in der vorausgehenden Spielrunde. Hat der Gegenspieler zuvor kooperiert, so kooperiert auch der TIT-FOR-TAT-SPIELER. Hat der Gegenspieler in der Vorrunde hingegen «defektiert», so antwortet der TIT-FOR-TAT-SPIELER zur Vergeltung ebenfalls mit «Defektion». «Defektion» ist also ist ein zentrales Konzept in der Spieltheorie, das den egoistischen Bruch von Kooperationen bezeichnet, um individuelle Vorteile zu erzielen, was zu suboptimalen Ergebnissen führen kann, wenn alle Spieler diese Strategie verfolgen.

Aktuellstes Beispiel für die TIT-FOR-TAT-STRATEGIE ist sicher der «Liberation Day» vom Donnerstag, dem 2. April 2025, als Präsident Donald Trump im Rosengarten des Weissen Hauses auf breiter Front Strafzölle in Kraft setzte. Indem Trump auf reziproke Zölle setzt, verfolgt er im Grunde die Idee, jedes andere Land, das Zölle auf ein US-Produkt erhebt, im Gegenzug ebenfalls zu besteuern. Wenn China zum Beispiel auf US-Maschinen einen Importzoll von 20% verlangt, dann soll die chinesische Maschine beim Import in die USA ebenfalls mit einem Zuschlag von 20% verzollt werden. Es geht hier also um ein Auge-um-Auge-Prinzip im Handel, mithin eine TIT-FOR-TAT-STRATEGIE. In der Folge kam es zu massiven Abverkäufen an den Kapitalmärkten, bis der US-Präsident seine reziproken Zölle auf Dutzende von Ländern für drei Monate aussetzte und damit den Aktien wieder Auftrieb verlieh, die sich seit seiner Ankündigung eine Woche zuvor im freien Fall befunden hatten. Einzig China, das auf Trumps Zölle mit ähnlichen Vergeltungsmassnahmen reagierte, wurde kein Aufschub gewährt; stattdessen erhöhte der Präsident die Zölle für die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt erneut auf insgesamt 125%. Somit ist der Handelskrieg der beiden wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt weiter im Eskalations-Modus. (Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass Trump vor allem taktisch agiert hat, weil der Verkauf amerikanischer Staatsanleihen durch China einen Crash ausgelöst hat.) Genauer stiegen die Renditen innerhalb weniger Minuten massiv an auf 4,5% für die 10-jährige US-Staatsanleihe, da China Positionen zwangsliquidierte und dafür Gold gekauft hat. In der Folge eskalierte die Trump-Regierung weiter, indem sie die Zölle gegenüber China nochmals anhob, weil Peking die Gegenzölle nicht zurückgenommen habe. Mittlerweile befinden sich der Dollar und die US-Staatsanleihen im freien Fall, und Gold explodiert auf ein neues Allzeithoch. Der Absturz des Dollar sowie der erneute Stress bei US-Staatsanleihen sind eine Abstimmung mit den Füssen der Finanzmärkte gegen den Handelskrieg von Donald Trump. Die USA sind durch Trump aus Sicht der Finanzmärkte zu einer Art zweifelhaftem Emerging Market geworden. Folglich lautet die Devise jetzt: Flucht in die ultimative Sicherheit Gold, raus aus Dollar und US-Staatsanleihen. Das faktisch wechselseitige Wirtschafsembargo der beiden Wirtschafts-Grossmächte ist ein Erdbeben: Die USA bezollen China nun mit 145%, das bedeutet, dass praktisch keine Waren mehr aus dem Reich der Mitte in die USA gelangen. China zieht im Handelsstreit mit den USA nach: Die Gegenzölle auf US-Waren sollen auf 125% steigen, wie die Zollkommission des chinesischen Staatsrates mitteilte. Wenn die Regierung in Washington auch in Zukunft Zölle auf chinesische Waren erhebt, die in die USA exportiert werden, werde China dies ignorieren, teilte die Behörde weiter mit. Die Zölle hätten ein Niveau erreicht, bei dem für US-Waren, die nach China exportiert würden, keine Marktakzeptanz mehr bestehe, hiess es weiter. Inkrafttreten soll die Massnahme laut Mitteilung am 12. April 2025. Das Ping-Pong gegenseitiger Zölle findet so ein vorläufiges Ende.

Spielstrategisch scheint, von aussen betrachtet, die TIT-FOR-TAT-STRATEGIE für die Trump-Administration nicht aufzugehen. Zwar glaubt Washington, den Handelskrieg zu gewinnen, weil China davon abhängig sei, dass es Waren in die USA verkaufen könne. Daher haben man die besseren Karten im Handelskrieg, weswegen Donald Trump jedes Mal bei den Zöllen «einen draufgesetzt habe» und so die Situation weiter eskaliert. Allerdings ist der US-Präsident spieltheoretisch in einer faktisch aussichtslosen Situation: Zum einen wegen der Anleihemärkte, die die US-Renditen und damit die Verzinsung der Staatsschulden immer weiter nach oben treiben. Der heftige Anstieg der Kapitalmarktzinsen macht mit anderen Worten die im Jahr 2025 notwendige Emission von US-Anleihen im Volumen von sieben Billionen Dollar immer teurer. Das zweite grosse Problem liegt im Umstand, dass die US-Regierung bislang keinen griffigen Plan hat, wie die Reindustrialisierung Amerikas gelingen soll, zumal den Amerikanern Ausbildung, Fähigkeiten und Disziplin fehlen. Wenn es überhaupt gelingen soll, wird es bestenfalls viele Jahre dauern, die billigen Waren aus China zu ersetzen. Entweder sind die Amerikaner dann bereit, deutlich höhere Preise für Waren zu bezahlen, oder sie müssen mit deutlich niedrigeren Löhnen vorliebnehmen.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
KI generiertes Bild von Grok