UND WAS JETZT?
«Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht der Herr.» So heisst es im letzten Buch des Neuen Testaments, genauer in der «Offenbarung des Johannes», nach manchen Übersetzungen in der «Offenbarung Jesu Christi durch Johannes», also der «Apokalypse». Durch das A und O verweist der Satz auf das lineare Geschichtsbild des semitischen Kulturkreises, basierend auf der Vorstellung, dass die Geschichte einen klaren Anfang und ein Ende hat. Dieses Modell sieht die Zeit als eine Linie, die von einem Schöpfungsereignis ausgeht und auf ein endgültiges Ziel oder einen Endpunkt hinsteuert, eine Sichtweise, die sich vor allem in den monotheistischen Religionen findet. So beginnt die grosse Erzählung im Judentum mit der Schöpfung der Welt durch Gott und bewegt sich durch wichtige Ereignisse wie die Exodus-Geschichte, die Prophetenzeit und die Erwartung des Messias hin zu einem zukünftigen Endzeitpunkt. Das Christentum übernimmt dieses Modell und fügt die Geschichte von Jesus Christus als zentrales Ereignis hinzu, das die Menschheit auf die endgültige Wiederkehr Christi und das Jüngste Gericht vorbereitet. Ebenso beginnt der Islam mit der Schöpfung, umfasst die Propheten, insbesondere Mohammed, und strebt auf ein göttliches Gericht am Ende der Zeiten zu. – Demgegenüber verweist ein zyklisches Weltbild auf eine sich in Kreisen verlaufende Geschichte. Es gibt also keinen eigentlichen Anfang und kein eigentliches Ende. Im Kreisdiagramm ausgedrückt folgt B auf A, dann C auf B, und dann beginnt es wieder bei A. Das zyklische Weltbild der Indogermanen bedeutete somit, dass für sie die Geschichte in Kreisen verläuft – oder in Zyklen –, genau wie die Jahreszeiten zwischen Sommer und Winter abwechseln. Die beiden grossen östlichen Religionen, der Hinduismus wie auch der Buddhismus, sind von indogermanischem Ursprung. Das gilt ebenso für die griechische Philosophie, und wir sehen viele klare Parallelen zwischen Hinduismus und Buddhismus einerseits und griechischer Philosophie andererseits. Nicht selten wird in der Kultur der Indogermanen betont, dass im Sinne des «Pantheismus» das Göttliche in allem anwesend sei und dass der Mensch durch religiöse Einsicht Einheit mit Gott erlangen könne. Diese magisch polytheistische Weltanschauung ist charakteristisch für die indogermanischen Völker und spiegelt sich in vielen ihrer mythologischen Überlieferungen wider. Ausserdem war der Glaube an die Seelenwanderung in vielen indogermanischen Kulturen von grosser Bedeutung, so im Hinduismus, wo es das Ziel eines jeden Gläubigen ist, irgendwann von der Seelenwanderung erlöst zu werden.
UND WAS JETZT?
«Wohin aber gehen wir / wenn es dunkel und wenn es kalt wird / was sollen wir tun / und denken / angesichts eines Endes / und wohin tragen wir / unsre Fragen und den Schauer aller Jahre», heisst es im Gedicht «Reklame» von Ingeborg Bachmann. Und in Peter Handkes Fernsehfilm «Die Chronik der laufenden Ereignisse» aus dem Jahre 1969 erscheint nach einiger Zeit auf dem dunklen Hintergrund ein Rolltitel: «1969. ALLES IST IM UMBRUCH BEGRIFFEN. KEIN WERT MEHR WIRD ALS GESICHERT BETRACHTET, KEINE ORDNUNG MEHR GILT ALS ENDGÜLTIG. ALLE VORSTELLUNGEN VON GUT UND BÖSE, RECHT UND UNRECHT, WAHR UND FALSCH SIND ÜBER DEN HAUFEN GEWORFEN. KEINER MEHR IST SEINER SACHE SICHER. EINE HEILSAME VERWIRRUNG HAT ÜBERALL EINGESETZT UND JEDERMANN NACHDENKLICH GEMACHT. VERSTÖRT BEGINNT MAN SICH ALLERORTEN ZU FRAGEN, WIE MAN DENN LEBEN SOLLE.»
Aufgrund historischer Erfahrungen beschäftigt sich der US-amerikanische Unternehmer und Hedgefonds-Manager Ray Dalio im New York Times Bestseller «The Changing World Order: Why Nations Succeed and Fail» mit den Ursachen für den Aufstieg und Fall von Nationen. Dalio verwendet dabei historische Analysen und wirtschaftliche Prinzipien, um die komplexen Mechanismen hinter dem Erfolg und dem Scheitern von Nationen zu erklären. In der bemerkenswerten Untersuchung nimmt Dalio die Leser mit auf seine Studie über die Imperien – einschliesslich des holländischen, britischen und amerikanischen – und rückt den »grossen Zyklus«, der die Erfolge und Misserfolge aller bedeutender Länder der Welt im Laufe der Geschichte bestimmt hat, ins rechte Licht. Ausgangspunkt war dabei ein Zusammentreffen politischer und wirtschaftlicher Bedingungen, mit denen Dalio zuvor noch nie konfrontiert war. Dazu gehörten enorme Schulden und Null- oder nahezu Nullzinsen, die zu massivem Gelddrucken in den drei wichtigsten Reservewährungen der Welt führten; politische und soziale Konflikte innerhalb von Ländern, insbesondere den USA, aufgrund der grössten Ungleichheiten in Bezug auf Wohlstand, Politik und Werte seit mehr als 100 Jahren; und der Aufstieg einer Weltmacht (China), die die bestehende Weltmacht (USA) und die bestehende Weltordnung herausfordert. Das letzte Mal, dass dieser Zusammenfluss stattfand, war zwischen 1930 und 1945. Diese Erkenntnis veranlasste Dalio dazu, nach den sich wiederholenden Mustern und Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu suchen, die allen bedeutenden Veränderungen im Hinblick auf Wohlstand und Macht in den letzten 500 Jahren zugrunde liegen.
Auch «The Fourth Turning», eine Untersuchung von William Strauss und Neil Howe, beschreibt eine Theorie der zyklischen Geschichte, die die Entwicklung der Gesellschaft in wiederkehrenden Phasen darstellt. Die beiden Autoren identifizieren dabei vier wiederkehrende Phasen oder «Turnings», die sich etwa alle 80-90 Jahre wiederholen. Interessanterweise sagten sie in den 1990er-Jahren voraus, dass im Jahr 2020 eine solche Krise stattfinden würde. Diese Vorhersage basierte auf einem historischen Muster, das die beiden während ihrer Forschung entdeckt hatten. Gemeinsam mit seinem Kollegen William Strauss fand Howe heraus, dass signifikante Veränderungen in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern eng mit Generationenwechseln verbunden waren. Sie bemassen die Dauer einer Generation mit 20 bis 23 Jahren. Nach der Generationentheorie von Strauss und Howe erleben viele Länder alle vier Generationen entscheidende Veränderungen. Darüber hinaus argumentieren sie, dass nach Ablauf dieser Periode eine radikale Transformation der gesellschaftlichen und politischen Strukturen erfolgen werde. Vor dieser Transformation ist der Winter. «Winter is coming», der Ausdruck aus «Game of Thrones», symbolisiert sowohl die bevorstehende Gefahr als auch die Härten der letzten Wende. Der Winter ist der Zeitpunkt, an dem politische und soziale Krisen entstehen. Ausserdem glauben die Autoren, so wie Ray Dalio auch, dass der vierte und letzte Zyklus häufig mit Kriegen oder bewaffneten Konflikten endet.
Natürlich liesse sich ein solcher Schluss nicht ziehen, hätten die beiden ein lineares Weltbild vorausgesetzt, zumal dann, bei Betrachtung gegenwärtiger Krisen und scheinbar auswegloser Katastrophen, der Zug den Bahnhof schon längst verlassen hätte. Dann wäre das «Kind tatsächlich in den Brunnen gefallen», dann wäre der letzte «Drop gelutscht» und das «letzte Kapitel geschrieben». «Noch aber bist Du da», wie es in einem Gedicht von Rose Ausländer heisst, «noch darfst du lieben / Worte verschenken / noch bist du da / Sei was du bist / Gib was du hast.»
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809
Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum
Principles for Dealing with the Changing World Order by Ray Dalio

