WER CHECKT DEN FAKTENCHECKER?
«Aufklärung» war im späten 18. Jahrhundert ein Modewort, das schon erheblich von seiner ursprünglichen Schlagkraft verloren hatte. Immanuel Kants Aufsatz «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?» von 1784 ist vor diesem Hintergrund ein leidenschaftliches Plädoyer, das noch einmal die Werte der frühen Aufklärung und den Geist von John Locke sowie der französischen Enzyklopädisten heraufbeschwört. Kant beginnt seinen Aufsatz mit der berühmten Definition: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.» Im Folgenden werden diese Begriffe erläutert: Unmündigkeit sei das «Unvermögen sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen». Diese Unmündigkeit sei selbstverschuldet, wenn ihr Grund nicht ein Mangel an Verstand sei, sondern die Angst davor, sich seines eigenen Verstandes ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen. Daraufhin formuliert Kant den Wahlspruch der Aufklärung: «Sapere aude!», was vom Philosophen mit den Worten «Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» erläutert wird. Im anschliessenden Absatz führt Kant den Gegensatz zwischen Mündigkeit und Unmündigkeit ein. Dabei bedeutet Mündigkeit für Kant, selbstständig zu denken bzw. den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. In der Folge erläutert er, warum ein grosser Teil der Menschen, obwohl sie längst erwachsen sind und fähig wären, selbst zu denken, zeit ihres Lebens unmündig bleiben, also nicht selbstständig denken und dies auch noch gerne tun. Der Grund dafür sei «Faulheit und Feigheit». Denn es sei bequem, unmündig zu sein. Das «verdrießliche Geschäft» des eigenständigen Denkens könne leicht auf andere übertragen werden. Wer einen Arzt habe, müsse seine Diät nicht selbst beurteilen; anstatt sich selbst Wissen anzueignen, könne man sich auch einfach Bücher kaufen; wer sich einen «Seelsorger» leisten könne, brauche selbst kein Gewissen. Somit sei es nicht nötig, selbst zu denken, und der Grossteil der Menschen mache von dieser Möglichkeit Gebrauch. So werde es für andere leicht, sich zu den «Vormündern» dieser Menschen aufzuschwingen. Diese Vormünder sorgten auch dafür, dass die «unmündigen» Menschen «den Schritt zu Mündigkeit» für beschwerlich und gefährlich hielten. Kant vergleicht in diesem Zusammenhang die unaufgeklärten Menschen mit «Hausvieh», das dumm gemacht worden sei. Sie würden eingesperrt in einen «Gängelwagen». Ihnen würden von ihren Vormündern stets die Gefahren gezeigt, die ihnen drohten, wenn sie versuchten, selbstständig zu handeln. So werde es für jeden einzelnen Menschen schwer, sich allein aus der Unmündigkeit zu befreien – zum einen, weil er sie «liebgewonnen» habe, weil sie bequem sei, und zum anderen, weil er inzwischen grösstenteils wirklich unfähig sei, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn nie den Versuch dazu habe machen lassen und ihn davon abgeschreckt habe. Die einzige Möglichkeit, einem Menschen das Denken beizubringen, besteht Kants Meinung nach darin, ihn es selbst versuchen zu lassen.
Kants Aufsatz ist ein Aufruf zur Überwindung von Autoritätsgläubigkeit. Er betont die Bedeutung von Freiheit und Vernunft für die Entwicklung des Individuums und der Gesellschaft. Auf diesem Hintergrund erweisen sich sogenannte «Faktenchecks» als fragwürdiges journalistisches Konzept, das Aussagen einer oder mehrerer Personen anhand von angeblich recherchierbaren und nachprüfbaren Fakten überprüft. Dabei werden wörtliche oder schriftliche Aussagen den scheinbar recherchierten Fakten gegenübergestellt, wobei Fakten als Tatsachen verstanden werden, mithin als objektiv überprüfbare Begebenheiten. Allerdings können sich Faktenchecks auch auf Meinungen beziehen. Natürlich stellt sich so auch die Frage, wer die Faktenchecks überprüft. WER ALSO CHECKT DEN FAKTENCHECKER? – Unter der Voraussetzung, dass es keine letzte Instanz gibt, hat Mark Zuckerberg letzte Woche die Zusammenarbeit mit Faktencheckern für die Pattformen «Instagram» und «Facebook» beendet. An der Stelle der externen Faktenprüfer soll nun ein System ähnlich den «Community Notes» der Plattform X eingeführt werden. Dabei sollten illegale Inhalte automatisch entdeckt und gelöscht werden. Freilich werden die Meta-Algorithmen erst bei einer höheren Schwelle von Unerwünschtheit eingreifen. Geringfügige Verstösse gegen die Verhaltensrichtlinien würden künftig erst nach einer Beschwerde eines Nutzers geprüft.
Dass diese Neuerungen nicht allen gefallen, hat sich am letzten Donnerstag, dem 9. Januar 2025, gezeigt, genauer beim Treffen von Elon Musk und der AfD-Chefin Alice Weidel auf «X-Space», einer in «X» integrierten Audioplattform, da ein Team von 150 Beamten der Europäischen Kommission in Brüssel zugehört und überprüft hat, ob sich die Media-Website beim Gespräch ihres Besitzers mit Alice Weidel an alle Vorschriften der EU gehalten hat. Die Kontrolleure stammen aus der Generaldirektion Kommunikationsnetze, die der Kommission unterstellt ist, und die die Einhaltung des Gesetzes über digitale Dienste überwacht. Es regelt einheitliche europäische Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen. Unterstützt wurden die Brüsseler Beamten beim Zuhören und Prüfen von Experten des Europäischen Zentrums für algorithmische Transparenz, das wissenschaftliches und technisches Know-how beisteuert, über das die Brüsseler offenbar nicht allein verfügen. Kern der Überprüfung war es, herauszufinden, ob Musk den X-Algorithmus bei dem Gespräch zu seinen Gunsten manipuliert, indem er beispielsweise genau diesen Inhalt fördert und der AfD-Vorsitzenden damit möglicherweise eine grössere Plattform bietet und die Inhalte ihrer Rivalen herabwürdigt. Dies würde als unfairer Vorteil angesehen und könnte als Verstoss gegen das EU-Recht für soziale Medien gewertet werden.
Das Ergebnis dieser Kontrolle soll in das Verfahren einfliessen, das die EU seit vergangenem Juli gegen Musks Plattform eingeleitet hat, weil er angeblich EU-Vorschriften ignoriert. Natürlich gibt es bislang noch kein Ergebnis der Überprüfung des Weidel-Musks-Gesprächs – was daran liegt, dass 150 Zuhörer sich erstmal auf eine gemeinsame Bewertung einigen müssen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass eine hohe Geldstrafe gegen Musk, die bei festgestellten Verstössen möglich ist, zu einiger Verstimmung in der künftigen US-Regierung führen würde, der Musk als Berater offiziell angehört.
Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
KI generiertes Bild von Grok, dem Chatbot von X

