WER VERLIERT IN DEN SOZIALEN MEDIEN?

Die Mitleidsfrage bildet den Kern des wohl bekanntesten Beispiels mittelhochdeutscher Literatur, dem «Parzival» von Wolfram von Eschenbach. Zwischen 1200 und 1210 entstanden, schildert der Versroman in kunstvoll verzahnten Handlungssträngen die abenteuerlichen Geschicke zweier ritterlicher Hauptfiguren: einerseits die Entwicklung des Titelhelden Parzival, andererseits die Bewährungsproben des Artusritters Gawan. Parzival gelangt auf seiner Heldenreise auch zur Gralsburg »Montsalvat«, in der Anfortas, unfähig, sich von einer mysteriösen Wunde zu erholen, durch den Gral am Leben erhalten wird. Der zentrale Moment tritt ein, als Parzival in der Gralsburg weilt und Zeuge von Anfortas’ Leiden wird, freilich ohne die erwartete Mitleidsfrage zu stellen. Ein einfaches «Oeheim, waz wirret dir» hätte Anfortas erlösen können. Unwissend über die Bedeutung dieser Frage verlässt Parzival die Burg. Später wird er für sein Schweigen verurteilt und erfährt, dass er die Möglichkeit, den Gralskönig zu erlösen, verpasst hat. Die unterlassene Mitleidsfrage wird so zum Symbol der spirituellen Unreife und des mangelnden Verständnisses der wahren Werte eines Ritters.

Statt etwas zu sagen oder das Richtige zu fragen, sagen viele heute das Falsche. Im Zeitalter Sozialer Medien oft nicht das Klügste, zumal das Internet nichts vergisst. Bekanntlich haben sowohl Saskia Esken wie auch Kevin Kühnert, beides Mitglieder des Deutschen Bundestages und Bundesvorsitzende der SPD, von ihrer Parteikollegin Katrin Lange, seit 2019 Mitglied des Landtages Brandenburg, die Empfehlung erhalten, weniger häufig an Talkshows teilzunehmen. Allerdings stehen für Frau Esken, laut «T-Online» vom 03.09., im gesamten Jahr 2024 lediglich zwei Talkshow-Auftritt zu Buche. Am 25. August sass sie in der Runde von «Caren Miosga». Dort sagte sie zu dem Thema «Wie schützen wir uns vor islamistischer Gewalt?» unter anderem einen Satz, der im Nachhinein Wellen schlug. Esken urteilte, dass man aus dem Anschlag von Solingen «nicht allzu viel lernen kann» – und geriet dafür heftig in die Kritik. (Ihre letzte Talkshow -Teilnahme datiert vom 3. September bei «ntv Nachrichten», ein Beitrag, wie könnte es anders sein, in dem sie die besagte Empfehlung ihrer Parteikollegin mit den Worten kommentiert: «Wir müssen miteinander reden.»)

Offensichtlich spielt die Quantität keine Rolle, wenn die Qualität nicht stimmt. Auf Videoportalen wie «YouTube», « TikTok» oder «Instagram» verlieren alle, wenn sie die Regeln des Mediums nicht beherrschen und sich von Emotionen treiben lassen. Vor allem sind alle immer schon viel zu spät, wenn sie etwas korrigieren bzw. löschen wollen. Deutsche Leitmedien wie ARD oder ZDF deaktivieren zwar häufig die Kommentare und schränken so die Meinungsfreiheit ein, was indessen wenig hilft, da kritische Beiträge immer schon in moderierter Form an anderer Stelle wieder hochgeladen wurden. Je nach Wetterlage geraten Person des öffentlichen Lebens in ein besseres oder schlechteres Licht, ja werden oft regelrecht «ausgezogen». Nackt und verletzlich stehen sie plötzlich im Rampenlicht und können sich nicht wehren. Begreiflich der Wunsch vieler Betroffener, Plattformen wie X, ehemals Twitter, zu canceln. Jüngstes Beispiel ist ein Urteil des brasilianischen Obersten Gerichtshofs, erlassen von Richter Alexandre de Moraes, der eine Sperrung anordnete, da X es versäumt habe, entschieden gegen die Verbreitung von Desinformation vorzugehen, insbesondere im Vorfeld der Kommunalwahlen 2024. Eine klassische Steilvorlage für Elon Musk, der das Urteil umgehend auf seinem Kanal postete und noch einen draufsetzte, indem er einen Videoclip veröffentlichte, auf dem zu sehen ist, wie Ex-Präsident Jair Bolsonaro Tausende Anhänger am brasilianischen Unabhängigkeitstag in São Paulo zu einem Strassenprotest gegen den verantwortlichen Richter mobilisiert.

Mit dem Instagram-Post einer Schweizer Politikerin, geboren in Bosnien und Herzegowina, findet die kommunikative Selbstzerstörung letzte Woche ihren vorläufigen Höhepunkt. Zu sehen ist eine junge Frau mit einer Sportpistole im Anschlag, die auf die Seite eines Katalogs des Auktionshauses Koller zielt. Der aufgeschlagene Katalog verweist auf eine Darstellung der Jungfrau Maria und deren Kind. «Abschalten», schrieb die Gemeinderätin dazu, löscht dann aber den Beitrag auf Anfrage einer Schweizer Boulevardzeitung. Auf ihrem Twitter-Account kommentiert sie den Vorfall mit den Worten: « Ich bitte um Vergebung bei den Menschen, die durch meinen Post verletzt wurden. Ich habe diesen sofort gelöscht, als mir der religiöse Inhalt bewusst wurde. Ich habe nichts dabei überlegt. Es tut mir unglaublich Leid.» Löschen hilft natürlich nicht, vor allem wenn man weltweit kommentiert, dass man jetzt gelöscht hat. Dann erst tritt der Supergau ein, und die sogenannte Entschuldigung wird mehr oder minder kreativ kommentiert. Insbesondere die Gegner ihrer politischen Agenda geben sich erkenntlich Mühe, illustrieren ihre Beiträge mit kurzen Clips oder Memes, ja benutzen selbst alte YouTube-Clips, um diese abermals zu kommentieren, und sehen sich im Nachhinein in ihren Vorurteilen bestätigt. Später kommen die Tages- und Wochenzeitungen, die neuen Clips der alternativen Medien, ja selbst der Russische Staatssender «RT» mischt sich ein, und alles weist so ziemlich in die gleiche Richtung. – Vor allem gibt es niemanden, auch nicht die eigene Kohorte, der dagegenhält. Am meisten freuen sich ihre Gegner, politisch oder nicht, die klatschen jetzt in die Hände, jauchzen oder frohlocken, werfen die Hüte in die Luft, zünden Feuerwerkskörper und lassen selbst Champagner-Korken knallen. Erst ganz zum Schluss verneigen sie sich und sagen DANKE.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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