So bestehst Du die Aufnahmeprüfung an ein Gymnasium

«Schafft die Gymiprüfung ab!», fordert Ralf Magreiter, ehemaliges Mitglied der parlamentarischen Kommission für Bildung und Kultur, in einem Blog des «Tages Anzeigers». Was die Gymivorbereitung angehe, fährt er fort, bestünden im Kanton Zürich markante Unterschiede zwischen den Gemeinden. Oft hänge sie vom persönlichen Engagement der Mittelstufenlehrerinnen und -lehrer ab. Für die individuelle Verbesserung der Aufnahmechancen habe sich darum eine florierende Bildungsindustrie etabliert: Sie bietet Eltern, die sich das für ihre Kinder leisten könnten und wollten, Vorbereitungskurse gegen bare Münze an. Wer mit dem Aufbau der Prüfung vertraut sei, habe einen klaren Wettbewerbsvorteil im Kampf um die begehrten Plätze. Diesbezüglich ist allerdings festzuhalten, dass alle Schülerinnen und Schüler über das Prüfungsarchiv der «Zentralen Aufnahmeprüfung» sich Zugang zu den vergangenen Aufnahmeprüfungen verschaffen können. Selbst die Lösungen können eingesehen werden, einzig der jeweilige Notenmassstab wird nicht publiziert.
Zugegeben, der Prüfungserfolg kann teilweise vom Besuch eines Gymikurses oder eines privaten Tutorings abhängen, wodurch trotz «Zentaler Aufnahmeprüfung» die Chancengleichheit in Frage gestellt ist. Dies ist sie jedoch in jedem Fall. Würde die Gymiprüfung abgeschafft, verlagerte sich das Grundsatzproblem einfach in die Probezeit. Hätten, wie der Gymnasiallehrer und Bildungsjournalist Andreas Pfister plädiert, alle nach ausgestandener Schulzeit einen Matura-Abschluss, käme es naturgemäss auf der Stufe Hochschule zur grossen Selektion, wobei wieder jene bessere Karten hätten, die sich eine ausserschulische Unterstützung leisten können. Es gibt eben keine individuelle Gerechtigkeit, schon gar nicht in einer irrealen Klassengesellschaft, in der ein CEO einer Schweizer Grossbank trotz eines massiven Kursverlusts seiner Aktien und eines hängigen Gerichtsverfahrens von fast 5 Milliarden ein Salär von über 15 Millionen bezieht. «Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, zu der die Justiz keinen Zugang hat», lautet ein Aphorismus des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Da dem so ist, hältst Du Dich besser an meine Empfehlungen, statt darauf zu hoffen, irgend eines fernen Tages ohne Aufnahmeprüfung in einem staatlichen Gymnasium aufgenommen zu werden.

WIE DU DIE AUFNAHMEPRÜFUNG AN EIN GYMNASIUM BESTEHST

A) DU HAST GUTE SCHULNOTEN
Egal, ob Du an eine Privatschule gehst oder nicht, Du brauchst gute Schulnoten, insbesondere in den Fächern, die bei der Aufnahme geprüft werden. Der Erfahrungswert liegt bei ±5 in den Prüfungsfächern, weil Du dann davon ausgehen darfst, dass Du zu den guten Schülerinnen und Schülern gehörst. Diese Schüler gehören eigentlich ins Gymnasium, vorausgesetzt, sie haben sich entsprechend vorbereitet.

B) DU KENNST DEN PRÜFUNGSSTOFF
So wie bei allen Prüfungen musst Du Umfang und Inhalt des zu prüfenden Stoffs kennen. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, alle Wortarten in ihrer allgemeinen und besonderen Bedeutung zu büffeln, wenn das gar nicht geprüft wird. Auskunft über den Prüfungsstoff geben die Anschlussprogramme der Zentralen Aufnahmeprüfung im Kanton Zürich.
Das Anschlussprogramm für das Langgymnasium findest Du unter folgendem Link:

https://www.zentraleaufnahmepruefung.ch/fileadmin/user_upload/Reglemente/Anschlussprogramm_Primarstufe.pdf

Das Anschlussprogramm für den Übertritt von der Sekundarschule an die Kurzgymnasien, Handelsmittelschulen und die Informatikmittelschulen des Kantons Zürich findest Du unter:

https://www.zentraleaufnahmepruefung.ch/fileadmin/user_upload/Reglemente/Anschlussprogramm_Sekundarstufe_-_Mittelschule_2015.pdf

Diesem Link lässt sich zum Beispiel entnehmen, dass Du im Fach Deutsch bei den Pronomen nur die allgemeine Bestimmung ohne Unterscheidung der Pronomenunterarten kennen musst. Andererseits erfährst Du, dass im Fach Französisch folgende unregelmässigen Verben zu beherrschen sind: «être, avoir, faire, vouloir, pouvoir, devoir, prendre, partir, sortir, mettre, vendre, rendre, répondre, attendre, écrire, lire, voir, aller, acheter, préférer. »

C) DU BEHERRSCHST DEN PRÜFUNGSSTOFF
Natürlich reicht es nicht, den Prüfungsstoff zu kennen, Du musst ihn auch beherrschen. Gesetzt den Fall, Du weisst, dass im Fach Mathematik bei den «Geometrischen Körpern» Definitionen und Eigenschaften geometrischer Körper (Würfel, Quader, Pyramide, gerades Prisma) vorausgesetzt werden und dass an den genannten Körpern Volumen- und Oberflächenberechnungen durchzuführen sind, dann musst Du auch in der Lage sein, die beschriebenen Operationen durchzuführen. Solltest Du bei den unregelmässigen Verben im Fach Französisch Lücken haben, müssen diese geschlossen werden, zumal es sich hierbei um eine Sache handelt, die im Grunde jeder lernen kann. Vor allem das, was man lernen kann, musst Du beherrschen; schliesslich wird bei Aufnahmeprüfungen nicht stur der Stoff abgefragt. Mit andern Worten musst Du den gelernten Stoff auch anzuwenden verstehen, was bedingt, dass Du in etwa eine Vorstellung hast, wie geprüft wird. Damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt: Du musst den gelernten Stoff anzuwenden verstehen.

D) DU WEISST DEN PRÜFUNGSSTOFF ANZUWENDEN
Sicher weisst Du, dass es ein sogenanntes Prüfungsarchiv für die «Zentrale Aufnahmeprüfung gibt». Dort findest Du Prüfungsaufgaben der letzten Aufnahmeprüfungen, geordnet nach Schultyp. Zu den Prüfungsaufgaben früherer Jahre und den dazugehörigen Lösungen gelangst Du über folgenden Link:
https://www.zentraleaufnahmepruefung.ch/pruefungsarchiv/langgymnasium/
Freilich helfen Dir die Lösungen allein noch nicht weiter, da Du ja nicht weisst, welche Note es für wie viele Punkte gibt oder wie zum Beispiel der Aufsatz bewertet wird. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Du mit der Zeit ein Gespür dafür entwickeln solltest, ob Dir die Probeprüfung gelungen ist oder nicht. Wichtig zu wissen ist freilich auch, dass die Aufnahmeprüfungen jeweils von einem Team ausgearbeitet werden. Da es sich hierbei, wie ich aus Erfahrung weiss, um eine recht aufwändige Arbeit handelt, wechseln die Teams nicht jedes Jahr von neuem. Dies bedeutet, dass Du mit Vorteil die letzten vier oder fünf Prüfungen am Schluss löst. Du wirst dann feststellen, dass die Prüfungen sich in ihrer Handschrift ähneln. Daher löst Du die alten Prüfungen zuerst und beginnst nicht gleich mit der letztjährigen Prüfung.

E) DU LÄSST DIR HELFEN
Wie ich vermute, hast Du sicher irgendwo eine Schwachstelle, vielleicht in der Geometrie oder beim Schreiben von Aufsätzen, die es aufzupeppen gilt. Solange Du nicht in allen Prüfungsfächern einen Coach oder Nachhilfelehrer brauchst, ist es keine Schande, wenn Du einen guten Gymikurs besuchst oder Dir von einer erfahrenen Lehrperson helfen lässt, möglichst mit Erfahrungen als Gymnasiallehrer. So jemand kennt nämlich auch die Innenseite der Gymnasien und weiss doch recht genau, wann ein Aufsatz beispielsweise die Bedingungen für eine genügende Note erfüllt.

F) LERNE FRÜH UND REGELMÄSSIG
Eine frühzeitige Vorbereitung ist unerlässlich. Mit der Prüfungsvorbereitung sollte mindestens ein halbes Jahr vor der Aufnahmeprüfung begonnen werden. Die Gratiskurse in der Schule sind oft ungenügend, Du gehst in der Masse unter, Du kannst nicht oder nur schwierig gezielt gefördert werden. (Ausserdem hat Dein Lehrer auch noch andere Aufgaben zu erfüllen, als möglichst vielen Schülerinnen ins Gymnasium zu verhelfen.) – Bei einem guten Gymikurs solltest Du erkennen können, wo Du im Vergleich zu den andern Kandidaten stehst. Daher sollten immer wieder Prüfungsaufgaben bearbeitet werden, damit Du das Gelernte anwenden und anschliessend echte Prüfungsaufgaben lösen kannst. Der Vorteil dabei ist, dass Du erstens ein Gefühl für Prüfungsaufgaben entwickelst und zweitens Dich selber prüfen kannst. Wenn Du demgegenüber mit einem einzelnen Coach Dich auf die Prüfung vorbereitest, setzt das voraus, dass Du nur in einem Fach nachlernen musst. Zum Beispiel in der Deutschen Grammatik und beim Schreiben von Aufsätzen. Der Vorteil eines solchen Coachings liegt auf der Hand: In einer 1 zu 1 Situation kann ein guter Lerncoach viel genauer auf Dich eingehen, um allfällige Schwachstellen aufzuspüren und Dir grössere Sicherheit bei schwierigen Teilen der Prüfung zu vermitteln. Erfahrungsgemäss trifft dies insbesondere auf die Mathematik oder den Aufsatz zu. Auch notentechnisch sind diese beiden Prüfungsteile von Belang. Ohne eine ansprechende Mathematiknote erweist es sich als recht schwierig, eine Aufnahmeprüfung zu bestehen, andererseits bedarf es nicht allzu viel, die Note für Mathematik in den Sand zu setzen. Umgekehrt ist es bei diesem Fach relativ einfach, mit nicht allzu grossem Aufwand eine genügende Note zu erzielen. Demgegenüber bedarf es für eine gute Aufsatznote einen ziemlich grossen Aufwand, doch lässt sich bei guter Übung ein Totalabsturz vermeiden. Das heisst, Du schreibt mit guter Übung eine 3.50 oder 4.00, fallierst aber nicht mit einer 2.00, was kaum mehr zu kompensieren ist. – (Vereinfacht erklärt, hängt das mit den möglichen Fehlerquellen zusammen. Bei einer Mathematikaufgabe musst Du vielleicht 4 oder 5 richtige Entscheidungen fällen, wohingegen beim Aufsatz praktisch jedes Wort, das Du niederschreibst, eine mögliche Fehlerquelle darstellt. Ausserdem ist der Aufbau der Mathematik axiomatisch, also unanzweifelbar und gewiss, während Sprache für sich genommen nicht logisch ist. Sie ist das Produkt historischer Entwicklungen und führt ein Eigenleben. Der Sinn der Begriffe entsteht erst in der Abgrenzung zu anderen Begriffen. Das macht Sprache prinzipiell zu einem instabilen Netz wandelbarer Begriffe.)

G) DU LERNST SELBSTÄNDIG UND GERN
Du musst motiviert sein und zeigen, dass Du die Prüfung bestehen willst. Andernfalls ist das Gymnasium nichts für Dich. Die Vorbereitung ist also mit einem Mehraufwand verbunden; daher hilft es, wenn Dich Deine Eltern unterstützen, ohne allzu grossen Druck auszuüben. Schliesslich wollen ja nicht sie ins Gymnasium, sondern Du.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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